Der Thoraschrein der Synagoge am Börneplatz

Auf den Tag genau 82 Jahre nach der Brandstiftung in der Synagoge am Börneplatz werden Marmorbruchstücke des bei der Zerstörung des Gotteshauses zerschlagenen Thoraschreines der Öffentlichkeit präsentiert.

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Im Sommer 1990 wurden am Börneplatz die letzten erhaltenen Überreste der ehemaligen Synagoge freigelegt und dokumentiert. Im mit Abbruchschutt verfüllten Untergeschoß des Gebäudes entdeckten die Archäologinnen und Archäologen zahlreiche Fragmente des zerstörten Thoraschreins der Synagoge. Bislang ließen sich dessen Aussehen und Dimensionen lediglich anhand historischer Texte und Fotografien rekonstruieren.

In der Präsentation sollen die Fragmente des Thoraschreins aus der „Gemeindeorthodoxen Synagoge“ am Börneplatz – auch Horowitz-Synagoge genannt – ein Zeugnis davon ablegen, mit welcher Gewalt vor mehr als 80 Jahren das jüdische Leben in Frankfurt zerstört wurde.

Historische Abbildungen

1891
1891

Zeichnung der Börneplatzsynagoge von Südwesten

 Jan./Feb. 1939
Jan./Feb. 1939

Ruine der Synagoge am Börneplatz von Südosten

11. Mai 1912
11. Mai 1912

Blick vom Dom auf den Börneplatz und die Kreuzung Battonstraße /Stoltzestraße

Das vorhandene Fotomaterial war bis zur Wiederentdeckung der Bruchstücke das einzige Zeugnis, welches einen Eindruck des Gebäudes von Innen und Außen vermittelte.

um 1928
um 1928

Börneplatz

Die farbliche Vielfalt des Steinmaterials ist allerdings nicht auf den Fotos zu erkennen, sondern nur an den originalen Steinen.

Rekonstruktion des Schreins

Einige Fotos, wie dieses von 1882, zeigen den in der Apsis stehenden Thoraschrein vor und nach der 1901 abgeschlossenen Erweiterung der Synagoge, die zu seiner Verbreiterung führte. Mithilfe der Maße der erhaltenen Objekte war es möglich, die Fotos maßstäblich anzupassen. Daraus resultierte eine Befundzeichnung, in der die Steinfragmente im Denkmal verortet werden können.

Der mehrgeschossige Thoraschrein dürfte demnach etwa 7 m hoch und 4 m breit gewesen sein. Er stand in der nach Osten ausgerichteten Apsis des Gebäudes. Bei den Umbauarbeiten um die Jahrhundertwende wurde der Schrein an den Seiten jeweils um mindestens 70 cm verbreitert. Nachzuweisen ist dies anhand der Fotos und eines erhaltenen, den Anbau bekrönenden Fragmentes eines Frieses. Das Halbrund ist im zweiten Geschoss in Teilen mit orangefarbigen Marmorplatten umgeben, auf denen Lorbeerzweige herausgearbeitet sind.

Der komplette Schrein war wahrscheinlich aus Marmor gefertigt. In der Sockelzone verwendete man offenbar ein dunkleres Steinmaterial, von dem derzeit aber keine Originale vorliegen. Gleiches gilt auch für die vier Säulenschäfte. Die Kapitelle, von denen nur einige Voluten erhalten sind, und zwei komplette Säulenbasen wurden dagegen aus weißem Marmor hergestellt. Die Basen liegen im Original vor. Weißer Marmor dominiert auch ansonsten das Denkmal.

Die Geschosse werden durch Gesimse gegliedert, die wahrscheinlich nur an drei Seiten ausgearbeitet waren. Das obere, abschließende Gesims ist als Kraggesims ausgeführt. Die bekrönende Kuppel dürfte einen unteren Durchmesser von 2,40 m besessen und aus sechs Segmenten bestanden haben. Vier mit Inschriften versehene Marmortafeln können derzeit noch keinem Bauteil zugewiesen werden. Ebenso lassen sich Profilleisten, aus orangem Marmor bestehende Verkleidungen, nicht exakt verorten. Sie könnten das vor dem Schrein stehende Lesepult geschmückt haben.

In der Restaurierungswerkstatt für Steindenkmäler des Archäologischen Museums wurden die Fragmente des zerstörten Thoraschreins sortiert und ausgelegt. Seine Überreste sind in ihrer Unmittelbarkeit und Haptik ein seltenes und eindrucksvolles Zeugnis des Pogroms vom 9. / 10. November 1938 und der in den folgenden Monaten vollzogenen kompletten Zerstörung der Synagoge.

Einzelne Teile des Thoraschreins wurden 1996 erstmals im Museum Judengasse präsentiert. Nach der Umgestaltung des
Museums Judengasse im Jahr 2016 gelangten viele der bis dahin dort ausgestellten archäologischen Objekte wieder zurück in das Archäologische Museum Frankfurt.

Seit Ende 2019 wird im Archäologischen Museum Frankfurt der mehr als 500 Fundkartons sowie einige Paletten mit Architekturteilen umfassende Fundbestand aus den Grabungen der Jahre 1987 bis 1990 am Börneplatz wissenschaftlich bearbeitet. Sie werden später als Teil des Kooperationsprojekts „METAhub Frankfurt“ in digitaler Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Spuren der Zerstörung

Die Synagoge wurde in Brand gesetzt und dadurch zerstört. Einige Marmorteile zeigen an ihrer Oberfläche Schwärzungen durch den dabei entstanden Ruß.

Die Steine zeigen die Spuren roher Gewaltanwendung. Der Thoraschrein wurde nicht einfach abgebaut, vielmehr wurde er regelrecht zertrümmert.

Werkzeugspuren und Abplatzungen an den Steinoberflächen deuten auf den Einsatz von handgeführten Hämmern und Hacken hin.

Der Thoraschrein und wohl auch die übrige Innenausstattung der Synagoge wurden nicht demontiert und wiederverwendet, sondern beim Abriss kleinteilig zerschlagen.

Diese Spuren gehören zu dem Exponat. Sie dokumentieren dessen Geschichte und müssen daher erhalten werden. Das Restaurierungskonzept orientiert sich an dieser Vorgabe.

Mit den Steinfragmenten wurden die Kellerräume der Synagoge verfüllt. Staub sowie der Bauschutt der roten Sandsteinfassade und der Ziegelwände hinterließen Verschmutzung an den Bruchstücken aus Marmor. Einige der Fragmente zeigen zudem Spuren von Kontaktkorrosion durch Eisenschutt.

Zeittafel

1882
Einweihung der Synagoge

Das nach Plänen des Architekten Siegfried Kuznitzky (1845–1922) erbaute Gotteshaus am Börneplatz (bis 1885 Judenmarkt, von 1935 bis 1978 Dominikanerplatz) wurde am 12. September 1882 als neue Synagoge der Gemeindeorthodoxen feierlich eingeweiht. Sie wurde auch Horowitz-Synagoge oder Neue Gemeindesynagoge genannt.

1901
Fertigstellung der Erweiterung der Synagoge

Um die Jahrhundertwende wurde die Synagoge durch den Architekten Fritz Epstein umgebaut und vergrößert. Nun bot sie Platz für 1300 Gläubige. Am 8. September 1901 wurde sie durch Rabbiner Dr. Markus Horovitz feierlich wiedereingeweiht.

1932
Feier zum 50. Jubiläum der Synagoge
1938
Zerstörung der Synagoge

durch Brandstiftung am Morgen des 10. November durch Einheiten der SA auf Anordnung der NSDAP-Leitung

1939
Abriss der Ruine der Synagoge

auf Anordnung der Frankfurter Stadtverwaltung bis auf die Grundmauern. Die Kellerdecken und -gewölbe werden eingeschlagen

1953/54
Zerstörung der westlichen Fundamente und Grundmauern der Synagoge sowie des Kellergeschosses

beim Bau der Blumengroßmarkthalle (1985 wieder abgebrochen)

1987
Börneplatzkonflikt

Archäologische Ausgrabungen des Museums für Vor- und Frühgeschichte (ab 2002 Archäologisches Museum Frankfurt) begleiten den Neubau der Stadtwerke im Bereich des Börneplatzes. Bei den Ausschachtungsarbeiten werden die westlichen Fundamente der 1939 abgebrochenen Synagoge zerstört und Fundamente der barockzeitlichen Bebauung der ehemaligen Judengasse freigelegt. Höhepunkt des öffentlich ausgetragenen Konfliktes um die bauliche Gestaltung des Börneplatzes

1990
Freilegung der Fundamente

In einer Ausgrabung werden die verbliebenen Fundamente der Synagoge freigelegt, dokumentiert und zahlreiche Bauteile geborgen

1992
Eröffnung des Museums Judengasse

als Dependance des Jüdischen Museums im neuen Verwaltungsbau und Kundenzentrum der Stadtwerke

1996
Eröffnung der Gedenkstätte am Neuen Börneplatz

für die von Nationalsozialisten vernichtete dritte Jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main 

2002
Erster Kongress zur jüdischen Archäologie im deutschsprachigen Raum

veranstaltet vom Archäologischen Musuem und Jüdischen Museum in Frankfurt 

2009
Einzug des Stadtplanungsamts der Stadt Frankfurt

in das 20 Jahre zuvor auf dem ehemaligen Börneplatz errichtete Verwaltungsgebäude (nach dem Auszug der Stadtwerke) 

2019
Beginn restauratorischer Untersuchungen an den Fragmenten des Thoraschreins

in der Restaurierungswerkstatt für Steindenkmäler des Archäologischen Museums 

2020
Beginn der Inventarisierung, wissenschaftlichen Erschließung und Digitalisierung

der im Depot des Archäologischen Museums in der Borsigallee aufbewahrten Bodenfunde aus den Grabungen der Jahre 1987 bis 1990 am Börneplatz im Rahmen des Projektes „METAhub – Kultur im digitalen und öffentlichen Raum“.

Film zur Gedenkfeier